Vor 20 Jahren in der CT

Vor rund zwanzig Jahren erschien in der C’T 8/84 der folgende Artikel über den 600XL

Atari 600XL: Homecomputer mit Komfort

Mehr als ein Spielzeug

Der ATARI 600 XL, der als ‚kleinster‘ einer neuen Computerserie Anfang Oktober ’83 auf den deutschen Markt kam, unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von seinen Konkurrenten. Im Gegensatz zu vielen anderen Herstellern hat Atari auf praktisch vollständige Hard- und Softwarekompatibilität nicht nur zwischen den XL-Computern untereinander, sondern auch zwischen diesen und ihren nicht mehr hergestellten ‚Vorfahren‘ 400 und 800 geachtet.

Probleme gibt es nur, wenn man Maschinenspracheprogramme mit ‚illegalen‘ Einsparungsadressen in das alte Betriebssystem der 400/SOOer verwenden will, da dieses, bedingt durch ‚Debugging‘ und Anpassung an die teilweise veränderte Hardware (volle 64K anstatt 48K RAM im Endausbau, kein eingebauter Lautsprecher mehr, nur noch 2 Joystickports usw.), für die neuen Computer an einigen Stellen völlig umgeschrieben wurde. Alle wesentlichen Einsparungsadressen wurden jedoch beibehalten, so daß fast alle Programme auf jedem Datenträger weiterverwendet werden können. Diese Kompatibilität sorgt dafür, daß schon jetzt über 200 Programme und etliche Peripheriegeräte auf dem Markt sind, die von den 400/800-Computern stammen und ohne Einschränkungen übernommen werden können. Das Angebot auf der Programmseite reicht von Textbe und -Verarbeitung über Kalkulationsprogramme (z. B. Visi-Calc) und elektronische Karteikästen bis hin zu Lehrprogrammen und Spielen.

Viele der Programme erfordern aber mehr als 16K RAM, so daß für diese ein ATARI 800 XL oder ein 600er mit Speichererweiterung benötigt wird. Auf der Peripherieseite reicht das Angebot von diversen Druckern über Diskettenstationen, Lightpens und Maltafeln (ähnlich dem bekannten Koala Pad) bis hin zu Joysticks und ähnlichem ‚Spielkram‘. Die Graphikauflösung ist mit 320×192 Pixeln bei 128 Farben (16 Farbtöne in 8 Helligkeitsstufen) für einen Computer dieser Preisklasse ungewöhnlich hoch. Allerdings sind, um den Speicherbedarf bei dieser hohen Auflösung möglichst gering zu halten, pro Zeile nur zwei Farben zulässig. Da aber die Farbregister nach jeder Fernsehzeile neu definiert werden können, kommen auf dem gesamten Bildschirm dennoch 128 Farben zustande.

ANTICe Grafik

Für die Farbgraphik ist ein spezieller Prozessor eingebaut, der sogenannte ‚ANTIC‘. Die 16 ‚Darstellungs‘-Befehle (fünf Text- und elf Graphikmodi mit unterschiedlicher Auflösung und unterschiedlichem Speicherplatzbedarf), acht ‚Leerzeilen‘- Befehle sowie zwei Sprungbefehle(!) für Display-Listen mit jeweils mehreren Varianten machen den ANTIC zu einem universellen Graphikbaustein, mit dem sich auf einfachste Weise beschriftete Graphiken erstellen lassen, die mit anderen Computern nur schwer oder überhaupt nicht zu programmieren wären. Diese Graphikkapazität läßt sich, wenn auch mit etwas weniger Möglichkeiten, sogar von BASIC aus mit Befehlen wie GRAPHICS, PLOT, DRAWTO, XIO usw. steuern. Erwähnenswert sind auch die Player-Missile-Graphik (entspricht den Sprites des Commodore 64) und die vier Tonkanäle, die sich von BASIC aus unabhängig voneinander in Frequenzen, Klangfarbe und Lautstärke über 3,5 Oktaven hinweg steuern lassen und die über den Fernseh- oder Monitorlautsprecher wiedergegeben werden. Mit POKE’S sind sogar 8,5 Oktaven möglich.

Der Speicherbereich, der in der Grundversion 16K RAM beträgt, läßt sich auf ‚echte‘ 64K RAM ausbauen, die es ermöglichen, ein eigenes Betriebssystem zu installieren (oder vielleicht das eines anderen 6502-Computers!?) und damit den Computer weitergehenden Bedürfnissen anzupassen. Der mechanische Aufbau ist sauber und solide. Innerhalb des stabilen Kunststoffgehäuses befindet sich eine Weißblech abschirmung, die alle ICs umfaßt und Störungen weder hin ein- noch hinausläßt, so daß selbst unmittelbar neben dem Computer ein sauberer Radioempfang möglich ist (bei welchem Computer findet man das sonst noch?). Die Tastatur unterscheidet sich wohltuend von den üblichen Weich- oder Hartgummitastaturen. Die Tasten haben einen sehr weichen, aber keineswegs schwammigen Anschlag und eignen sich hervorragend für’s ‚Schreibmaschine-Schreiben‘. Anschlüsse für einen FBASMonitor, Joysticks und einen Farbfernseher mit HF-Eingang (Kanal 4) sind ebenso vorhan den wie eine serielle Schnittstelle und ein Erweiterungsanschlußbus, an den beispielsweise die Speichererweiterung angeschlossen wird. Weiterhin existiert noch ein Steckmodulanschluß, der sowohl Spielmodule als auch ‚ernsthaftere‘ Programmodule aufnehmen kann.

Positiv aufgefallen sind das großzügig dimensionierte Netzteil (l ,8 A) und die in der Tastatur eingebaute RESET-Taste. Ein Reset löscht eingegebene BASIC-Programme nicht und leistet bei Systemabstürzen durch fehlerhafte Maschinenspracheprogramme unschätzbare Dienste.

Brauchbares BASIC

Das eingebaute BASIC besitzt einen bildschirmorientierten Editor, der auf einem Feld von 40 Zeichen in 24 Zeilen ein bequemes Einfügen und Löschen sowohl von einzelnen Zeichen als auch von ganzen Zeilen ermöglicht. Der Editor sorgt dafür, daß alles, was eine Zeilennummer hat und mit RETURN abgeschlossen wurde, nach Passieren der Zeilen-Syntaxkon trolle auch im Speicher landet. Ein umständliches Hantieren mit Editierzeilen entfällt.

Der BASIC-Befehlssatz umfaßt neben den Standardbefehlen auch solche wie ON. . .GOTO, ON. . .GOSUB, TRAP (in anderen BASIC-Dialekten ON ERROR . . . GOTO genannt), POSITION, LOCATE, etliche Graphikbefehle sowie viele I/O-Kommandos; zusammen mit der Möglichkeit, Befehle abgekürzt eingeben zu können (beispielsweise F. für FOR, N. für NEXT, O. für OPEN usw.), wird das Programmieren zu einem Vergnügen. Berechnungen werden 8-stellig ausgeführt und angezeigt, Variablennamen können bis zu 118 signifikante Buchstaben lang sein; Bezeichnungsprobleme, wie sie sonst oft bei Microsoft-BASIC auftreten (viele Dialekte unterscheiden ja nur nach den ersten zwei bis vier Buchstaben!), können so wohl kaum noch vorkommen. Diese Eigenschaften sind aber daran schuld, daß das ATARI BASIC in Benchmark-Vergleichstests vergleichsweise schlecht abschneidet (siehe Tabelle); ein umfangreicher Befehlssatz und Programmierkomfort ist nun einmal mit einem Geschwindigkeitsverlust verbunden. Wer von BASIC nichts mehr wissen will, kann auf andere Programmiersprachen ausweichen; ein LOGO-Interpreter, verschiedene 6502-Macro-Assembler, Pascal- und FORTH Compiler sind erhältlich. Einige Programmiersprachen brauchen aber eine Speichererweiterung. Wem das nicht reicht, der kann sich ein C/PM-Modul besorgen und damit auf das größte Programm- (und Programmiersprachen-) Angebot der Welt zurückgreifen. Maschinenspracheroutinen können vom BASIC aus mit der USR-Funktion aufgerufen werden. Dabei kann eine (fast) beliebig große Anzahl von Parametern übergeben werden.

Schnelle CPU

Die 6502C-CPU, die mit 1,8 MHz fast doppelt so schnell getaktet wird wie in vergleichbaren 6502-Computern, sorgt für eine schnelle Ausführung dieser Routinen. Das residente Betriebssystem vereinfacht die Ein- und Ausgabe von Daten in Maschinensprache erheblich: Wichtige Routinen wie der Bildschirmeditor, die Kassetten- I/O-Routine und die Druckerroutine sind zur sogenannten CIO(Control I/O) zusammengefaßt. Es müssen lediglich einige Parameter gesetzt und eine Betriebssystemadresse ‚angesprungen‘ werden, und schon hat man seine Daten auf dem Bildschirm, auf Papier, Diskette oder Band beziehungsweise kann sie von dort laden. Man kann die CIO auch selbst erweitern; wenn man bestimmte Adressen in die ‚Handlertable‘ einträgt und sich einen I/O-Handler schreibt, in dem das zusätzliche Peripheriegerät in Form von Ansteuerungsroutinen dem Computer ‚erklärt‘ wird, kann man dieses Gerät selbst mit BASIC-Befehlen ansteuern, als ob es schon immer existiert hätte!

Fünf Software-Timer, die im 20ms-Takt vom eingestellten Wert auf 0 zurück
zählen und einen Interrupt auslösen, sowie VBI-, Display-List- und Interrupt-Zeiger bieten Möglichkeiten, die selbst wesentlich teurere Computer nicht besitzen. Der eingebaute Self-Test-Modus ist ebenfalls bemerkenswert. Dieser ermöglicht menügesteuert die Überprüfung des ROM, des RAM, der vier Tonkanäle, des Bild- und Graphikteils sowie der Tastatur. Insbesondere die RAM-Überprüfung ist für selbstgebaute Speichererweiterungen ideal. Damit wird eine sofortige Kontrolle des nicht vorn Self-Test-ROM verdeckten Speichers möglich.

Geheimniskrämerei

Leider gibt es auch einige Nachteile. So ist die mitgelieferte Dokumentation katastrophal: Außer zwei Heftchen, hochtrabend ‚ATARI BASIC Leitfaden‘ und ‚ATARI 600 XL-Privat-Computer-Bedienungsanleitung‘ genannt, sowie einem Prospekt mit Anschlußhinweisen an Stromversorgung und Fernseher war nichts zu finden. Immerhin erfährt man daraus, daß man das Gehäuse nicht mit Chemikalien reinigen sollte und daß es weiterführende Literatur gibt. Diese weiterführende, wenn auch nicht gerade billige Literatur hilft diesem Mangel gründlich ab. Sogar von Atari selbst ist ein Loseblattwerk erschienen, das ‚BASIC REFERENCE MANUAL‘, welches in Deutsch oder Englisch zu haben ist und jeden BASIC-Befehl mit Beispiel erläutert. Das Manual geht auch auf fortgeschrittene BASIC-Programmierung ein. Man erfährt beispielsweise, wie man mit möglichst wenig Speicher auskommen oder möglichst schnelle BASICProgramme erreichen kann. Leider kostet das Buch rund 50 DM; es wäre gut, wenn es bei dem Computer mitgeliefert würde.

An technische Informationen kann man nur schwer herankommen; zwar werden Informationen über Softwaredetails wie Betriebssystemadressen oder Programmierung der I/OBausteine bekanntgegeben (wenn auch manchmal nicht von Atari selbst), aber die Schaltpläne werden gehütet, als ob das Leben der Manager davon abhinge. Dabei wäre es für die Entwicklung eigener Erweiterungen von größtem Interesse, beispielsweise die Adressdekoder-Schaltungen zu kennen. Einige Peripheriegeräte, wie die Speichererweiterung, die externe Zehnertastatur oder der Datenrecorder sind vergleichsweise teuer. Einige Spielprogramme sind ebenfalls zu teuer, zum Glück gibt es aber ernsthafte Programme zu normalen Preisen.

Fazit: Für unter 600 DM bekommt man einen Computer, der mit seinem Programman gebot und seinem guten BASIC nicht nur für die ersten Schritte in die Mikrocomputerwelt gut ist, sondern mit seinem gut durchdachten Betriebssystem und seiner Sprachvielfalt sowie den überlegenen Graphikmöglichkeiten selbst ‚Profis‘ genügend Möglichkeiten zum ‚Austoben‘ läßt. Eines ist der 600XL aber mit Sicherheit nicht: ein mit BASIC aufgewerteter Spielcomputer. Von der Leistungsfähigkeit der Hard- und Software her ist er jedenfalls anderen Computern dieser Preisklasse überlegen. Wenn die mitgelieferte Dokumentation verbessert würde (etwa, indem das BASIC REF. MANUAL gleich mitgeliefert würde), und wenn technische Unterlagen über den Computer nicht nur speziellen Servicestellen zur Verfügung gestellt würden, wäre der Atari 600XL wärmstens zu empfehlen.

C’T 8/84